Die Sau lassen die beiden Schweine später raus, jetzt wird erst einmal gedöst - auch das machen sie gerne zusammen. Schweine sind sehr gesellige Tiere. (Foto: Magdalena Fröhlich)
20.01.2014
Schweinehaltung

Die Sauen-WG im Wald

Ein wenig sieht Jörg Callis aus wie ein Ranger mit seinen grünen Hosen mit den großen aufgesetzten Taschen, dunklem T-Shirt und den festen Boots. Nur der breitkremplige Hut fehlt. Den braucht er auch nicht. Sein Weg führt ihn in den Wald zu den Schweinen. Von Magdalena Fröhlich

Jörg Callis mit seinen Schweinen (Foto: Magdalena Fröhlich)
Im grünen Jeep geht es den Hügel hinauf. Ein bisschen ist es wie Safari. Der Wagen wackelt auf dem Schotterweg. In der Ferne grasen große zottelige Heckrinder, ein Schild zeigt an: Willkommen im Tal der Gesetzlosen. Jörg Callis lacht: "Wir halten uns hier ganz streng an alle Regeln, aber sonst dürfen die Schweine machen, was sie wollen." Zum Beispiel neugierig aus dem Wald über die Wiese laufen, sobald Callis das Gatter quietschen lässt. "Die können sogar den Motor unterscheiden und wissen, dass ich mit dem Jeep komme", sagt er und schaut nach seinen Mädels im Wald. 

Ist der Schwanz gekringelt, fühlt sich das Schwein wohl

"Die ist meistens die Neugierigste", sagt der Bereichsleiter für Tiere auf dem Schultenhof in Hattingen an der Ruhr und begrüßt ein rosa Schwein mit schwarzen Flecken. Es wackelt mit dem Ringelschwänzchen, fast wie ein Hund kommt es auf ihn zu, ähnlich schlau sind Schweine jedenfalls. Das Schwanz-Kringeln ist ein gutes Signal - und ein Anzeichen für eine artgerechte Tierhaltung. Denn wenn es einem Schwein nicht gut geht, dann lässt es das Ringelschwänzchen einfach hängen. Dass den meisten Schweinen in konventioneller Haltung dieses nach der Geburt abgeschnitten wird, ist für Callis unfassbar.

Wühlen können Schweine in konventioneller Haltung nicht(Foto: Magdalena Fröhlich)
"Ich muss doch wissen, wie es meinen Tieren geht. Dann muss ich sie auch so halten, dass sie mir zeigen können, wie sie gerade drauf sind."  Kupierte Ringelschwänze, kein Auslauf, kaum Kontakt zu Artgenossen und enge Boxen mit Spaltenböden - das will er sich weder für seine Schweine noch für seinen Arbeitsplatz vorstellen. "Wenn ich daran denke, dass ich meine Schweine nur im Schutzanzug besuchen könnte, um keine Keime zu übertragen. Nein. Das geht gar nicht." Immerhin leben über 90 Prozent aller Schweine unter solchen Bedingungen, nicht einmal ein Prozent beträgt der Anteil von Bio-Schweine-Fleisch. Da hat es Mensch und Schwein im Wald schon viel besser.

Sich mit der Freundin eine Kuhle teilen - auch das gehört zum Schweineleben (Foto: Magdalena Fröhlich)
15 Sauen leben hier unter großen Eichen, umgeben von Brombeerhecken, oben auf den Hügel von Hattingen. In manchen Jahren sind es ein paar mehr, in anderen etwas weniger. "Wir nehmen nur Ferkel von einem nahe gelegenen Biolandhof", erklärt Callis und ist ein wenig verwundert, warum er gerade nur 14 seiner Tiere sieht. Ach, hier ist gerade eine hinterm Busch. Zwei andere kuscheln Hintern an Hintern unter den Bäumen, die großen dunklen Schlappohren über den Augen. Entspannt sehen die beiden aus. "Ja, die bringt so schnell nichts aus der Ruhe", erklärt Callis.

Schweine schlafen am liebsten unterm Sternenhimmel

Er kennt alle Tier genau, auch wenn sie keine Namen haben. "Es ist ja dann schon immer etwas emotional, wenn man sie rund sieben Monate aufwachsen sieht. Aber auch wie sich der Wald verändert. Da ist jedes Jahr an einem anderen Ort eine Kuhle, dem einen Schwein gefällt es besser, wenn hier ein Ast liegt, das nächste Schwein trägt ihn wieder woanders hin", beobachtet Callis, "die scheinen Wert auf Wohnraumgestaltung zu legen."

Knietief in der Erde (Foto: Magdalena Fröhlich)
Das denkt sich wohl auch das Schwein, das jetzt noch tiefer in der Erde buddelt. "Die sucht wahrscheinlich nach einem Wurm oder nach anderen kleinen Tieren. Aber tiefer als ihre Beine lang sind, habe ich noch keine wühlen sehen", sagt Callis. Er findet: Schweine sind nicht nur Allesfresser, sondern auch Fast-Immer-Fresser - wenn sie nicht gerade dösen. Rund 13 Stunden schläft ein Schwein am Tag und hat es dabei gern romantisch. "In ihrer Hütte sind die Schweine kaum, lieber kuscheln sie unterm Sternenhimmel und unter den Bäumen", sagt Callis und lacht.

Der Wald bietet den schwarz-gefleckten Tieren neben Sonnenschutz auch ihre Leibspeise: Eicheln. Davon liegen auf dem feuchten Boden im Herbst jede Menge - zumindest jede Menge Kapseln. Für Jörg Callis ist das ein Rätsel und Beweis für die Intelligenz der Schweine zugleich: "Ich habe keine Ahnung, wie sie das machen, dass sie die Frucht von der Kapsel trennen. Ausgespuckt sind die Kapseln jedenfalls nicht.“ Jeden Morgen gegen halb acht gibt es Frühstück am Futtertrog auf der Weide. Dann gibt es genau wie abends Getreidepellets. "Da hauen sie richtig rein. Ganz anders als bei den Eicheln - da ist es genussvoller. Sie müssen ja immer nach neuen suchen."

Aber wenn es genug Eicheln gibt, dann interessiert sie das herzlich wenig. "Dann kommen sie zur Begrüßung, gucken, was hier los ist und verziehen sich wieder", meint Callis über seine Rotte, die auch ein bisschen etwas von einer wilden Mädels-WG hat. In der hat jede Sau ihren Platz, ihre beste Freundin und ihre eigene Kuhle. "Manche hängen einfach immer zusammen, kuscheln sich gemeinsam in eine Kuhle oder flitzen im Schweinsgalopp um die Bäume." Die 15 Bunten Bentheimer Ladies achten stets auf Sauberkeit: Wo gegessen wird, werden keine Haufen gemacht. Zickereien gibt es kaum. Nur wenn es ums Fressen geht. "Dann geht schon mal das Gequieke und Geschubse los", sagt Callis. Rund 20 unterschiedliche Oink-Laute kann ein Schwein quieken und grunzen.

Schon im Mittelalter wurden Schweine im Wald mit Eicheln gemästet (Foto: Magdalena Fröhlich)
Das Leben im Wald hat auch für Callis Vorteile: "Da muss ich nicht ausmisten. Der Wald erholt sich im Winter von alleine", erklärt er. Denn dann sind keine Schweine mehr da. Im November wird das letzte Tier geschlachtet, neue Ferkel kommen im Frühjahr. Auch die Bio-Welt ist arbeitsteilig. Ein anderer Bioland-Betrieb hat sich auf Ferkel-Produktion spezialisiert und verkauft sie zur Mast weiter. Deshalb gibt es auch keinen Eber im Wald von Hattingen. Neben mehr Arbeit, vor allem wenn die Sauen Junge bekommen, würde das auch einen Umbau bedeuten: Die Tiere bräuchten mehrere Hütten und das Gelände müsste in verschiedene Bereich abgesteckt werden, damit sich der Boden vom Wühlen und Koten wieder erholt.

Schweine sind neugierig und untersuchen alles mit dem Rüssel (Foto: Magdalena Fröhlich)
"Ich will den Tieren das Beste geben, was ich kann. Und sie können fast ihr ganzes Leben lang ein fast wildes rosa Schwein sein", sagt Callis. Übrigens schmeckt das Fleisch sogar einen Hauch nach Wild, das komme von den Eicheln. "Wenn wir gut zu den Tieren sind, dann liefern sie uns auch gute Produkte und das ist wiederum gut für unser Wohlbefinden", ist Callis überzeugt. Von einem Tier, das noch nicht einmal das Sonnenlicht gesehen hat, will er keinen Schinken essen.

Dieses Schwein ist immer das neugierigste (Foto: Magdalena Fröhlich)
Dann geht der Ranger aus dem Wald wieder zurück zu seinem Jeep. Seine Hose ist jetzt nicht mehr grün. Sondern grün mit braunen, runden Flecken. Die neugierigen Schweine haben ihn mit ihrem Rüssel angestupst - und ihre eigene Stempeltechnik hinterlassen. Das neugierige mit den schwarzen Flecken am Hintern kommt wieder mit bis zum Gatter.  

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